Nach langer Vorbereitungszeit waren wir im Sepember endlich unterwegs. Wir, das sind sechs Tibet-Begeisterte, die sich nach langer Suche und vielen Vorbereitungs-Treffen zusammen gefunden haben. Fünf Wochen wollten wir unterwegs sein, um über Nepal nach Tibet weiterzureisen...

Nach langer Vorbereitungszeit waren wir im Sepember endlich unterwegs. Wir, das sind sechs Tibet-Begeisterte, die sich nach langer Suche und vielen Vorbereitungs-Treffen zusammen gefunden haben. Fünf Wochen wollten wir unterwegs sein, um über Nepal nach Tibet weiterzureisen...

Damals wie heute benötigten wir einige Zeit in Kathmandu, um das China-Visum und Tibet-Permit zu beantragen. Erst dann konnten wir nach Tibet weiterreisen. Zunächst stand Tsetang mit dem Yumbu Lhakhang, dem Thongdral Tempel und dem Samye Kloster auf dem Programm. Dann wollten wir nach einigen Tagen in Lhasa bis ganz in den Westen von Tibet vorstoßen. Vorbei am Yamdrok Tso, Gyantse und Shigatse ging es über die Nordroute und Ali bis in das alte Königreich Guge in Tsaparang bei Tholing. Auf der Südroute erreichten wir schließlich über Thirthapuri den heiligen Berg Kailash und den Manasarowar See bevor es entlang des Himalaya-Hauptkammes zu unserer Rechten über Zhangmu wieder nach Nepal zurück fuhren.

Einer der schönsten Flüge der Welt von Kathmandu nach Lhasa

Einmal quer über den Himalaya - vorbei am Mt. Everest und den vielen anderen Eisriesen. Die Nase habe ich mir an der Scheibe platt gedrückt, denn dieser Blick aus dem Flieger ist an Grandiosität kaum noch zu überbieten! Welch ein Beginn für diese so lange herbei gesehnte Reise!

Anmerkung zu den Bildern von meiner ersten Tibet-Reise 1992:
Leider ist die Qualität nicht so gut. Seinerzeit war ich mit einer unglaublichen Menge von Diafilmen unterwegs. Aber selbst das Einscannen der Dias mit dem hochwertigen Diascanner Nicon Coolscan 9000 bringt nicht annähernd die Qualität wie die heutigen Digitalbilder. Ich hoffe, dass Dir die Bilder trotzdem gefallen und Dir einen Eindruck von dem damals noch sehr ursprünglichen Tibet geben - von der grandiosen Landschaft, den interessanten Klöstern und Tempel und von Land und Leuten zu einer Zeit, als Tibet noch sehr viel mehr Tibet war.

Samye, das erste und älteste Kloster in Tibet

Samye galt auch unser erster Besuch. Es war zwar nicht weit entfernt von Tsetang und doch lag es fernab von allem weltlichen. Keine Straße, keine Brücke über den Bramaputra, der in Tibet Yarlung Tsanpog heißt, verband das Kloster mit dem Rest der Welt. Per Fährboot setzte man in knapp einer Stunde Fahrt über den Fluss.

Auf der anderen Seite des Flusses wartete ein Transfer-LKW auf die Besucher und vor allem auf die Warenlieferungen für das Kloster, die ebenfalls mit dem Boot kamen. Noch einmal knapp eine halbe Stunde ging es dann auf der Ladefläche des LKW's zum Kloster. Wir schienen die einzigen Touristen zu sein - jedenfalls hatten wir seit unserer Ankunft in Tibet noch keine anderen gesehen. Trotzdem standen wir auf der die Ladefläche des LKW dicht an dicht. Eine Gruppe tibetischer Besuchern und Pilger hatte denselben Weg wie wir. Neugierige und sehr freundliche Blicke waren auf uns gerichtet. Zaghaft fragte man uns etwas, aber wir verstanden natürlich kein Tibetisch und die Tibeter kein Englisch. So musste Tupten, unser Guide, aushelfen. Er beantwortete viele Fragen. Die Blicke wurden immer erstaunter und freundlicher. Tupten erzählte uns, dass seine Landsleute kaum glauben konnten, von wie weit her wir in ihre Heimat gekommen waren. Plötzlich stimmte einer ein tibetisches Lied an. Sogleich fielen alle anderen ein und sangen aus voller Brust. Es war ein sehr melancholisches Lied, das eine unglaubliche Stimmung auf die Ladefläche des LKW zauberte, die ich niemals vergessen werde.

Drei entdeckungsreiche Tage in Lhasa

Damals hatte die Stadt noch sehr viel von dem "alten" Lhasa, von dem Heinrich Harrer so intensiv in seinem Buch "Sieben Jahre in Tibet" berichtet hat. Der Aufenthalt auf 3.500 m Höhe war für uns alle eine Herausforderung. Schon bei der kleinsten Anstrengung, wie beim Treppensteigen oder schnellen Gehen, gerichten wir außer Atem und "schnauften" wie nach einem langen Spurt. Aber darauf waren wir vorbereitet - wir wußten, dass wir viel trinken mußten und so ging es uns allen ganz gut. Wir hatten  einige Tage in Lhasa und Umgebung zum Akklimatisieren an die Höhe eingeplant und uns damit gleichzeitig auch viel Zeit und Muße für die Besichtigung der interessanten Stadt und der Umgebung gegönnt.

Wer hat ihn nicht schon einmal auf Bildern bewundert - den Potala Palast!

Es war ein unblaubliches Gefühl nun hier zu sein und ihn mit eigenen Augen zu sehen - sprachloses Staunen bei uns allen. Bei seinem Anblick verstummten unsere lebhaften Gespräche und Ehrfurcht ergriff uns. So erhaben und majestätisch thront er auf dem Mapori, dem "Roten Berg", dass es einem glatt die Sprache verschlägt. Tibetische Pilger umrunden den Potala und messen teilweise den Weg durch Niederwerfungen mit ihrer Körperlänge ab - es ist eine unglaubliche Stimmung.

Wie im Traum folgten wir Tupten, unserem tibetischen Führer, der uns über die große Treppe auf der Vorderseite in den Potala führt. Langsam, Schritt für Schritt stapften wir keuchend und mit vielen Pausen die Treppe hinauf.

Als wir im großen Innenhof ankommen wurde von den Tibetern gerade ganz traditionell und mit viel Gesang der neue Lehmbodens gestampft.  Wie schön, dass wir das Glück hatten, diesen alten Brauch einmal mit eigenen Augen zu sehen. Wir schauten und hören eine weile zu und bettragen schließlich in das Innere des Potala Palastes. Wir wandelten von Raum zu Raum und von Saal zu Saal. Die Wände und Decken sind mit feinen Malerein verziert - 2.500 Quadratmeter dieser wunderschönen Malereien soll es im Potala geben. Durch verschiedene Innenhöfe, wovon einer zur prächtigen Empfangshalle führt, gelangen wir schließlich zu den Privatgemächern des Dalai Lamas. Zu unserem ehrfürchtigen Staunen gesellt sich Wehmut bei dem Gedanken an seine Flucht und sein Leben im Exil.

Auf der Vorderseite verlassen wir den Potala auch wieder und steigen dieselben Stufen wieder hinab zur Stadt. Dabei nehmen wir unten einen anderen Weg und gelangen in eine Gasse, die gesäumt ist von einer Ansammlung traditionelleer tibetischer Häuser. Tibetische Frauen kommen ganz zaghaft auf uns zu und deuten auf die Halsketten, Armbänder, Geldbörsen und schauen uns fragend an..."you want" meint die eine..."you like" fragt die andere und beide schauen uns mit einem strahlenden Lächeln an. Dem konnten wir einfach nicht widerstehen und jeder von uns hat eine Kleinigkeit gekauft.

Später las ich immer wieder die erschreckenden Berichte über die Veränderungen in Lhasa in der Presse. Da war u.a. die Rede davon, dass am Fuß des Mapori und des Potala-Palastes  alles umgestaltet worden war und der sog. "Potala-Platz" mit dem "Befreiungsdenkmal" errichtet wurde, dem genau diese Häuser weichen mußten. Da war mir ziemlich wehmütig ums Herz...

Der Jokhang Tempel in der tibetischen Altstadt...

...und der Pilgerweg rund um den Jokhang Tempel hat uns mit seiner unglaublichen Atmosphäre sofort in seinen Bann gezogen. Unendlich schien der Strom der Pilger zu sein, die mit ihrem Gebetsmühlen den Jokhang Tempel auf dem Pilgerweg, dem Barkor, umwandern - wieder und wieder - manche bis zu zehn Mal am Tag. Unendlich scheint auch die Zahl der Tibeter zu sein, die sich wieder und immer wieder vor dem Jokhang Tempel in Demut niederwerfen.

Für die Tibeter ist der Jokhang Tempel eines der bedeutendsten Heiligtümer und jeder sollte einmal in seinem Leben hierher gepilgert sein. Der Jokhang Tempel gehört zu den wenigen Heiligtümern in Tibet, die in der Kulturrevolution nicht zerstört worden sind. Wir besichtigen die Innenräume mit sehr viel Ehrfurcht. Vom Dach genießen wir einen wunderbaren Blick über Lhasa bis hinüber zum Potala.

Dann führt uns Tupten in die zentrale Gebetshalle. Welch eine Atmosphäre! In einer verschlossenen Seitennische zeigt er uns durch die vergitterte Tür die Shakyamuni Statue, die Prinzessin Wen Cheng um 700 n.Chr. aus ihrer Heimat in Chang hierher transportieren ließ. Welch ein Anblick. Die lebensgroße sitzende Statue zeigt Shakyamuni im Alter von zwölf Jahren. Sie ist komplett vergoldet, mit prächtigen Juwelen geschmückt und in rotes Gewand gehüllt. Bis heute gehört sie für die Tibeter zu eine der heiligsten Statuen überhaupt. 

Das Kloster Ganden...

hat uns neben dem Sommerpalast der Dalai Lamas, dem Norbulingka, den Klöstern Sera und Drepung wegen seiner landschaftlich grandiosen Lage ganz besonders begeistert. Von Lhasa folgten wir dem Kyichu Fluss in Richtung Osten. Dabei zeigte uns Tupten etwas ganz besonderes - am Ufer des Flusses lag ein traditionelles Yakhaut-Boot, das in früheren Zeiten das übliche Fortbewegungsmittel der Tibeter auf dem Fluss war. Heute findet man diese Boote nur noch ganz selten.

Hoch oben über dem Flusstal des Kyichu liegt Ganden. In Serpentinen windet sich die Staubpiste aus dem Tal den Berghang hinauf. Nach der letzten Biegung fällt der Blick dann auf den riesigen Gebäudekomplex des Klosters, der sich den Berghang entlang zieht. Das Kloster wurde während der Kulturrevolution fast vollständig zerstört. Erst einige wenige Gebäude sind inzwischen wieder aufgebaut wie z.B. der Haupttempel mit der großen Versammlungshalle.

Yamdrok Tso - Gyantse - Shigatse

Vor den langen Fahretappen hat uns allen ein wenig "gegraut". In ganz Tibet gab es 90 km asphaltierte Straße und die führte vom Flughafen Gongkar nach Lhasa. Alles andere waren teilweise übelste schlaglochübersäte Pisten. Nach der ersten Fahretappe von Lhasa nach Gyantse über den fast 5.000 m hohen Kamba La Pass und den knapp über 5.000 m hohen Karo La Pass waren wir uns allerdings alle einig - wenn alle Fahrten auch nur annähernd landschaftlich so eindrucksvoll und grandios sein würden wie diese erste - dann wird es eine wahre Freude sein auf dem tibetischen Hochplateau unterwegs zu sein!

Und es wurde eine Freude - eine wahre Freude - jeden einzelnen Fahrtag dieser langen und erlebnisreichen Reise. Wie gebannt schauten wir Tag für Tag aus den Fenstern unserer Toyota Landcruiser und genossen diese unglaublich gewaltige Landschaft. Dass wir dabei Tag für Tag durchgerüttelt und geschüttelt wurden, war natürlich anstrengend, aber unserer Begeisterung schmälerte das nicht.

In Gyantse besuchten wir den berühmten Kumbum Chorten der "Hundertausend heiligen Bilder". Mit 32 m ist der Kumbum die größte, prächtigste und die einzige begehbare Stupa in ganz Tibet und wie durch ein Wunder während der Kulturrevolution nicht zerstört worden. Gleich daneben steht das Pelkor Chode Kloster. Wir konnten uns nur schwer vorstellen, dass hier früher eine ganze Klosterstadt stand, zu der 16 autonome Klöster dreier verschiedener Glaubensrichtungen gehörten. 

In Shigatse stand das Tashilunpo Kloster auf unserem Programm. Das Großkloster des Panchen Lama wurde als einziges Kloster in Tibet während der Kulturrevolution nicht zerstört. Das lag nicht zuletzt an den "Verbindungen" des Panchen Lama zu den Chinesen, die unter den Tibetern recht umstritten waren. Schon der Anblick von weitem über die Anlage ist beeindruckend. Eine Vielzhl von Gebäuden sind dunkelrot und jedes davon mit einem goldenen Dach gekrönt. Gegründet wurde das Kloster allerdings 1447 von vom ersten Dalai Lama und im Laufe der Jahrhunderte immer weiter ausgebaut. Der wichtigste Tempel ist der Maitreya Tempel mit der 26 m hohen Maitreya Budda-Statue. Sie soll die größte vergoldete Statue der Welt sein. Allein das Gesicht ist 4,2 m hoch. Unermüdlich zeigte uns Tupten die verschiedenen Tempel dieses wunderbaren Großklosters. 

Hier trafen wir uns auch mit unserem nepalesischen Sherpa-Team. Jangbu und Pasang waren mit der kompletten Zeltausrüstung von Nepal bis zur nepalesisch-tibetischen Grenze gereist und dort von einem LKW abgehohlt worden. Mit der "Gemütlichkeit" der Hotelunterkünfte war es jetzt erst einmal vorbei. Allerdings waren die Unterkünfte außerhalb von Lhasa seinerzeit wirklich alles andere als gemütlich sondern eher "Absteigen".

Von nun an waren wir mit einem kompletten mobilen Zeltcamp unterwegs. Drei sturmfeste Kuppeldachzelte waren von nun an unsere nächtliche Bleibe, die wir uns zu zweit teilten. Im mitgeführten Küchenzelt bereitete Pasang unser Abendessen, das wir dann im sog. "Dining-Tent" einnahmen. Im ersten Moment hatten wir das Essenszelt noch einigermaßen "elitär" gefunden. Aber schon am ersten Abend waren wir sehr dankbar dafür, denn sonst hätte uns der aufkommende starke Wind glatt das Essen von den Tellern gepustet. Außerdem gab es noch ein Toilettenzelt, das jedoch nichts weiter bot als Wind- und Sichtschutz und ein Loch im Boden...

Abenteuerliche Pisten in Richtung Kailash

Ab jetzt waren wir während der nächsten beiden Wochen mit unserem mobilen Zeltcamp unterwegs. Übernachtet wurde in 2-Personen-Zelten. Das meine teilte ich mir mit Karin, mit der ich mich auf Anhieb gut verstanden hatte. Für unser leibliches Wohl sorgte Pasang, unser Koch, der auf den einfachen Kerosinkochern einfach unglaublich Schmackhaftes zauberte und uns zu jeder Mahlzeit rundum verwöhnte. 

Von Shigatse aus ging es immer weiter westwärts bis wir kurz vor Saga in Richtung Norden abbogen und auf der sog. "Nordroute" in Richtung Kailash fuhren. Drei Tage fuhren wir durch die unendlichen Weiten des großartigen tibetischen Changtang. Im Süden glänzten die Eisriesen des Himalaya aus der Ferne zu uns herüber, Salzfelder und heiße Quellen begleiteten uns. Dabei überrachten uns immer wieder diese unglaublich intensiven Farben.

Schließlich gelangten wir nach Ali, der einzigen Stadt in Westtibet. Hier gab es mal wieder eine Hotelübernachtung, allerdings verdiente das Etablissement diesen Namen nicht wirklich. Da waren uns unsere Zelte doch inzwischen sehr viel lieber.

Von Ali aus war es noch eine lange Tagesetappe bis wir im äußersten Westen Tibets den kleinen Ort Tholing erreichten. Leider erlaubten die Behörden uns nicht in unseren Zelten zu übernachten und so kamen wir noch einmal in den Genuss einer chinesischen Unterkunft, die eher einem Gefängnistrakt glich als einem Hotel. Die Krönung dieses Etablissements waren allerdings die sanitären "Anlagen". Karin hatte schon kurz vor mir unser Zimmer bezogen und hielt mir bei meinem Eintreffen einen bunten Topf entgegen mit den Worten - guck' mal was wir hier haben - ein Pippi-Pöttchen...

Das alte Königreich Guge in Tsaparang

Nahe der indischen Grenze liegt das verlassene Königreich Guge, das im Westen an die indische Provinz Spiti grenzt. Eingebettet in das bizarre Tal des Sutlej Flusses erinnert die grandiose Landschaft stark an den Grand Canyon. Hoch oben über dem Fluss sind die Ruinen des alten Königreiches kunstvoll in eine gewaltige Sandsteinklippe gebaut. Bis heute ist sehr wenig bekannt über das mysteriöse Königreich und warum es seinerzeit von seinen Bewohnern verlassen wurde. Zuhause hatte ich Lama Govindas Buch "Der Weg der weißen Wolke" gelesen, in dem er über seinen Aufenthalt in Tibet und auch in Tsaparang berichtet.

Die Fahrt in Richtung der heiligen Quellen von Thirtapuri und dem heiligen Berg Kailash auf der südlichen Route entlang der indischen Grenze war noch um ein vielfaches beschwerlicher. Die "Straße" bestand teilweie aus einer tiefsandigen Piste, auf der selbst unsere vierradgetriebenen Toyotas einige Male stecken blieben. Nur mit großer Mühe und viel Schiebekraft konnten wir sie wieder befreien. Dafür waren die Ausblicke auf den indischen Hoch-Himalaya und den höchsten Berg Indiens, den Nanda Devi, traumhaft.

Auf der weiteren Strecke wechselten unendlich weite Hochebenen, die nur in weiter Ferne von Gebirgszügen begrenzt wurden. Einige dieser Gbirgszüge leuchteten in den unglaublichsten Farben wie wir sie noch nie in der Natur so intensiv gesehen hatten.

Diese unglaubliche Landschaft versetzte uns immer wieder in Staunen, machte und sprachlos, zuweilen auch fassungslos. Wir fuhren Stunden um Stunden ohne eine Spur von menschlichem Leben. Nur Leere und Weite soweit das Auge reichte. Ganz klein und unbedeutend fühlten wir uns in dieser überwältigenden Landschaft. Irgendwo in diesem Nirgendwo der unendlichen Leere und Weite trafen wir auf eine kleine Gruppe Nomaden...

Während wir uns tagsüber sehr in Acht nehmen mußten, dass wir nicht unter der intensiven Sonneneinstrahlung verbrannten, sanken die Temperaturen am Abend und in der Nacht in den Minus-Bereich. Es war gerade einmal Anfang Oktober und in der Nacht hatte das Thermometer -12 Grad angezeigt. Da kamen wir auch mit unseren sehr warmen Schlafsäcken an unsere Grenzen. Am schlimmsten war es allerding, wenn wir von unserer wohlgefüllten Blase aus dem Schlafsack getrieben wurden...

Unser "Tunfun", wie unser Begleit-Truk im chinesischen genannt wurde, quittierte die nächtliche Kälte mit Totalverweigerung am Morgen. Es dauerte eine gute Weile bis Motor und Kühlwasser wieder einigermaßen aufgetaut waren und sich schließlich stockend und rumpelnd wieder zum Dienst meldeten.

Endlich am Kailash und am Manasarowar See

Darchen, der Hauptort am Kailash und Ausgangsort für den Pilgerweg um den heiligen Berg, war ein unendlich trauriges "Kaff" mit einigen baufälligen Hütten. Leider durften wir auch hier nicht in unseren Zelten übernachten, sondern kamen noch einmal in den "Genuss" einer festen Unterkunft, die allerdings eher einem Stall glich. 

Schweren Herzens entschloss ich mich die Kailash-Umwanderung nicht mitzumachen. Schon seit etwa einer Woche laborierte ich an einer Bronchitis. Karin hatte mir mit einem Antibiotika ausgeholfen, das auch ganz gut angeschlagen hatte. In den letzten Tagen war die Bronchitis jedoch wieder verstärkt ausgebrochen. Ich hatte zwar kein Fieber, aber dennoch mochte ich mir die dreitägige Umwanderung mit der Überquerung des fast 5.700 m hohen Dolma La Passes nicht zumuten. Einige Stunde wanderte ich mit auf der Kora um den Kailash in das westliche Tal, um dann nach Darchen zurückzukehren.

So hatte ich zwei Tage Zeit um in aller Ruhe die Umgebung von Darchen zu erkunden. Dabei entdeckte ich ein Toilettenhäuschen, das mit Abstand die schönste Aussicht in Richtung Manasarowar See und der über 7.000 m hoch aufrangende Gurla Mandata bot.

Nach der Rückkehr der Mitreisenden von der Kailash-Umwanderung fuhren wir sogleich weiter - zunächst zum Rakastal, dem Mondsee und dann weiter zum Manasarowar, dem Sonnensee. Zusammen mit dem Kailash bilden die drei Orte für die buddhisten ein "kosmisches Mandala". Wir verbrachten den restlichen Tag in der großartigen Landschaft am Ufer des Manasarowar See und zu Füßen der Gurla Mandata.

Überraschung am nächsten Morgen als wir aus unseren Zelten schauten - das Wetter schlug "Kapriolen" - es fing an zu schneien. Ein regelrechter Schneesturm fegte über das tibetische Hochplateau und so bauten wir in Windeseile die Zelte ab und verstauten die gesamte Ausrüstung in unseren "Tunfun".

Schneller Aufbruch zur Rückfahrt - Flucht vor dem Schnee!

"Nix wie weg" bevor der Schnee die vor uns liegenden Pässe möglicherweise unpassierbar machen würde. Es ist mir bis heute unerklärlich wie Temba und Tsering, unsere beiden Fahrer, den Weg durch die weiße Welt des Schneegestöbers fanden. Wohin wir schauten - alles war einheitlich weiß - oben - unten - links und rechts. Die Piste war kaum zu erkennen und doch manövrierten uns die beiden mit nahezu schlafwandlerischen Sicherheit durch die weiße "Hölle". Nach einigen Stunden war der Spuk vorbei. Die Sonne blinzelte durch die ersten Wolkenlöcher und verwandelte die Landschaft in eine traumhafte Winter-Wunderwelt.

Drei Tage waren wir auf der Südroute vom Kailash zurück in Richtung Osten bis Saga unterwegs. Auch hier umgab uns eine scheinbar unendliche Weite und Einsamkeit. Kein Haus, kein Strauch, kein Mensch weit und breit in dieser unfaßbar grandiosen Landschaft.

Unzählige Male kreuzte die Piste den Bramaputra, der in Tibet Yarlung Tsangpo heißt. Er ist einer der vier heiligen Flüsse, die in der Kailash-Region entspringen und von dort in die vier verschiedenen Himmelsrichtungen fließen - der Indus in Richtung Norden, der Sutlej nach Osten, der Karnali nach Süden und der Yarlung Tsangpo nach Osten. Brücken über den Yarlung Tsangpo, dem wir seit einigen Tagen folgten, gab es keine. Unzählige Male durchfuhren wir den Fluss mit unserem kleinen Konvoi und hatten jedes Mal Glück, dass der Wasserstand nicht zu hoch war. Erst als wir in die Nähe von Saga kamen gab das erste Mal eine Fähre über den Yarlung Tsangpo.

Auf der Weiterfahrt irgendwo im Nirgendwo zwischen Saga und dem Peiku Tso See trafen wir auf eine Nomadenfamilie. Zunächst kamen nur zwei Kinder aus dem traditionellen schwarzen Yakhaar-Zelt. Aber es dauerte nicht lange und die ganze Familie - von Neugier getrieben - kam herbei um zu schauen, wer da vor ihrem Zelt angehalten hatte.

Nahe des Hochgebirgssees Peiko Tso bot sich ein fantastischer Ausblick auf die Eispyramide des über 8.000 m hohen Sishapangma. "Highway into Heaven" nannte Tupten die Piste, auf der wir fuhren und die geradewegs auf den Sishapangma zuzuführen schien.

Unsere Tour neigte sich langsam dem Ende zu. Zwei letzte über 5.000 m hohe Pässe, der Lalung La und Thong La, bescherten uns letzte unvergessliche Blicke von Tibet aus über den Himalaya-Hauptkamm in Richtung Nepal.

Danach ging es nur noch bergab. Kaum 50 km weiter erreichten wir das nur noch 3.800 m hoch gelegene Nyalam und nach weiteren 30 km standen wir auf gerade einmal 2.000 m Höhe in Zhangmu, dem Grenzort kurz vor Nepal. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich die Landschaft und die Vegetation komplett verändert. Die Südhänge des Himalaya werden regelmäßig mit großzügigen Niederschlägen bedacht - insbesondere während der Monsunzeit, die sich gerade erst lngsam ihrem Ende näherte. Den Anblick von so viel üppigem Grün waren wir nach fast vier Wochen auf der kargen Hochgebirgssteppe Tibets gar nicht mehr gewohnt.

Erdrutsch-Chaos in Nepal auf dem Weg nach Kathmandu

Die regelmäßigen Regenfälle in Nepal hatten allerdings neben der üppigen Vegetation auch ihren Tribut gefordert. Mehrere Erdrutsche hatten die Straße verschüttet. Unsere Fahrzeuge, die von Kathmandu gekommen waren um uns abzuholen, mußten wir nach einigen Kilometern schon wieder zurücklassen. Der Erdrutsch wurde zu Fuß mit all unserem Gepäck und der geamten Campingausrüstung überquert, um auf der anderen Seite ein anderes Fahrzeug für die Weiterfahrt zu chartern.

Dieses "Spiel" wiederholte sich noch ein weiteres Mal und so kamen wir erst am späten Abend in tiefer Dunkelheit hundemüde und schlaftrunken in unserem Hotel, dem Dhulikhel Lodge Resort in Dhulikhel an. Wir hatten uns so sehr gewünscht von Dhulikhel aus noch einmal einen letzten Blick auf den Hoch-Himalaya werfen zu können, aber der hüllte sich in dichte Wolken. So legten wir am Morgen die letzte kurze Etappe bis nach Kathmandu zurück, wo wir unsere erlebnisreiche Reise mit viel Muße ausklingen ließen.

Letzte Blicke auf den Himalaya

Einen letzten Blick warfen wir aus dem Flieger, der uns gen Heimat trug, auf den Himalaya-Hauptkamm.

 

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