Nach meinem ersten Besuch in Tibet konnte ich mich viele Jahre nicht entschließen erneut dorthin zu reisen. Zu bedrückend habe ich die Berichte empfunden, nach denen Lhasa mehr und mehr in eine chinesischen Metropole umgestaltet wurde...

Dennoch bin ich schließlich noch einmal aufgebrochen. Zum einen wollte ich mir einen eigenen Eindruck verschaffen. Zum anderen waren inzwischen einige weitere Regionen rund um Lhasa für Touristen geöffnet worden, die mich sehr initeressierten wie z.B. die Klöster Reting und Drigung, die heißen Quellen von Terdrom, den Namtso und das Tal des Tsangpo mit dem legendären Lhamo Lhatso.

Insgesamt war ich vier Wochen in Tibet unterwegs und habe mir für die vielen Stationen dieser Reise mehr Zeit als üblich gelassen. Es war eine Reise, die mich tief bewegt hat. Die Veränderungen waren tiefgreifend und für mich teilweise auch erschreckend, da ich 1992 noch sehr viel mehr vom "alten Tibet" kennenlernen durfte. Trotzdem war und ist Tibet für mich nach wie vor eines meiner "Sehnsuchts"-Länder. Neben der grandiosen Landschaft, den phantastischen Klöstern, dem Potala und vielen anderen bedeutenden Sehenswürdigkeiten haben mich die Tibeter bei jeder einzelnen Begegnung immer wieder sehr tief beeindruckt.

Nach meinem ersten Besuch in Tibet konnte ich mich viele Jahre nicht entschließen erneut dorthin zu reisen. Zu bedrückend habe ich die Berichte empfunden, nach denen Lhasa mehr und mehr in eine chinesischen Metropole umgestaltet wurde...

Dennoch bin ich schließlich noch einmal aufgebrochen. Zum einen wollte ich mir einen eigenen Eindruck verschaffen. Zum anderen waren inzwischen einige weitere Regionen rund um Lhasa für Touristen geöffnet worden, die mich sehr initeressierten wie z.B. die Klöster Reting und Drigung, die heißen Quellen von Terdrom, den Namtso und das Tal des Tsangpo mit dem legendären Lhamo Lhatso.

Insgesamt war ich vier Wochen in Tibet unterwegs und habe mir für die vielen Stationen dieser Reise mehr Zeit als üblich gelassen. Es war eine Reise, die mich tief bewegt hat. Die Veränderungen waren tiefgreifend und für mich teilweise auch erschreckend, da ich 1992 noch sehr viel mehr vom "alten Tibet" kennenlernen durfte. Trotzdem war und ist Tibet für mich nach wie vor eines meiner "Sehnsuchts"-Länder. Neben der grandiosen Landschaft, den phantastischen Klöstern, dem Potala und vielen anderen bedeutenden Sehenswürdigkeiten haben mich die Tibeter bei jeder einzelnen Begegnung immer wieder sehr tief beeindruckt.

Einer der schönsten Flüge der Welt - von Kathmandu nach Lhasa

Für mich führt der schönste und direkteste Weg nach Tibet über Nepal. Das liegt zum einen an Nepal selbst, das für mich neben Tibet zu einem der beeindruckensten Ländern dieser Welt gehört. Inzwischen war ich deshalb auf unzähligen Nepal-Reisen seit 1991 unterwegs.

Aber auch die Weiterreise nach Tibet ist von Nepal aus phantastisch. Schon 1992 hatte mich der Flug von Kathmandu nach Lhasa einmal quer über den Himalaya sehr beeindruckt. Allerdings hatte ich seinerzeit nur einen Fensterplatz auf der rechten Seite im Flieger. Dieses Mal wollte ich unbedingt einen Platz auf der linken Seite in Richtung Everest-Gebiet ergattern!

"Ergattern" ist dabei wirklich das passende Wort, denn Platzreservierungen sind leider nicht möglich - damals wie heute nicht - weder vorab noch beim Checkin! Also hilft nur eins - mit der richtigen "Taktik" frühzeitig genug im Flieger zu sein! Für den Flughafen in Kathmandu heißt das also unbedingt rechtzeitig in die Schlange am Flugsteig einreihen. Nur so hat man eine Chance, bei der ersten Fahrt mit dem Shuttle-Bus vom Terminal zum Flugzeug dabei zu sein. In diesen Bus aber unbedingt mit als letztes einsteigen, damit man bei Ankunft als eine der ersten aus dem Bus heraus kommen und die Maschine "stürmen" kann... 

Das kann ganz schön stressig werden! Trotzdem sind es die Ausblicke während des Fluges bei klarem Wetter absolut wert. Die Nase habe ich mir an der Scheibe platt gedrückt auf diesem Flug, der für mich zu einem der schönsten auf dieser Welt gehört:

Bisher haben mich nur zwei weitere Flug ähnlich begeitert. Das war einmal der Flug von Kathmandu nach Paro auf meiner "Bhutan-Reise 2018 - Durchquerung von West nach Ost in 29 Tagen". Dieser Flug führt recht dicht entlang der schneebedeckten Eisriesen des Himalaya-Hauptkammes. Dafür benötigt man einen Platz auf der linken Seite im Flieger. Der zweite Flug führt vom indischen Delhi nordwärts über den Himalaya-Hauptkamm nach Leh in Ladakh. Diesen Flug habe ich 1994 zum ersten Mal gemacht und dann noch einmal in umgekehrter Richtung von Leh nach Delhi auf meiner "Indien-Reise 2016 - Kashmir, Zanskar & Ladakh" am 21. Tag.

Vier entdeckungsreiche Tage in Lhasa

Nach den Einreiseformalitäten, die seinerzeit noch einigermaßen unbürokratisch und zügig erledigt waren, traf ich vor dem Flughafengebäude auf Soney. Er ist bis heute eine der wenigen deutschsprachigen tibetischen Guides. Auf Anhieb haben wir uns super verstanden. Es war eine Freude mit ihm unterwegs zu sein! Sein Deutsch ist wirklich gut und neben seinen Kenntnissen über die Sehenswürdigkeiten und die tibetische Kultur ist er unglaublich unternehmenslustig und immer gut drauf! Einen besseren Guide konnte ich für meine Tour kaum vorstellen.

Obwohl ich auf meiner "Tibet-Reise 1992 - Von Lhaasa zum Kailash" schon drei erlebnisreiche Tage in Lhasa verbracht hatte, wollte ich mir jetzt noch einmal etwas mehr Zeit lassen, um mich intensiv umzuschauen. Dieses Mal gönnte ich mir vier Tage - zwei direkt nach meiner Ankunft und jeweils einen weiteren nach meiner Rückkehr von verschiedenen Abstechern in die nähere und weitere Umgebung.

Der Potala-Palast auf dem Mapori, dem "Roten Berg"

Die Veränderungen der letzten Jahre rund um den Potala-Palast - und nicht nur dort - waren gewaltig. Seinerzeit wirkte Lhasa eher provinziell mit viel tibetischem Charme. Davon war nicht mehr allzuviel übrig gebleben. Insbesondere die urigen Häuser (linkes Bild) direkt zu Füßen des Potala waren inzwischen dem moderneren Antlitz der Stadt zum Opfer gefallen. Sie mussten größeren Verwaltungsgebäuden, einem Park und dem riesigen sogenannten "Potala-Platz" mit dem Befreiungsdenkmal weichen.

Trotzdem erfasste mich beim Anblick des Potala auch dieses Mal wieder das gleiche Staunen wie damals. Wie aus einer anderen Zeit thront der Palast altehrwürdig und erhaben hoch über der Stadt. Egal von welcher Seite man sich früher wie heute der Stadt nährert - der Potala ist aus allen Himmelsrichtungen weithin sichtbares Wahrzeichen des alten Tibets.

Im Vergleich zu 1992 waren die Regularien für den Potala-Besuch 2006 schon erheblich strenger. Insbesondere durfte nur noch an bestimmten Stellen innerhalb des Potala fotografiert werden. Bei meinem Besuch des Potala 2019 war das Fotografieren innerhalb der Räumlichkeiten überhaupt nicht mehr erlaubt und die Besuchszeit streng limitiert.

Jokhang - der heiligste Tempel in Tibet

Mitten im Zentrum der Altstadt steht eines der bedeutendsten Heiligtümer der Tibeter, der Jokhang Tempel. Für die meisten Tibeter ist es einer ihrer größten Wünsche einmal in seinem Leben zu diesem heiligen Ort zu pilgern.

Deshalb drängen sich oft die Tibeter dicht an dicht drängen vor dem Eingang zum Tempel, um ihrer Ehrfurcht und ihrem tiefen Glauben durch ungezählte Niederwerfungen Ausdruck zu geben. Damals wie heute hat sich daran nichts geändert.

 

Erbaut wurde der heilige Jokhang Tempel, was soviel bedeutet wie das "Haus des Buddha", im Jahr 647 n.Chr. Ursprünglich war er gedacht als Schrein für eine Buddhastatue, die von der chinesischen Prinzessin Wen Cheng nach Lhasa gebracht wurde. Eine der schönsten Orte innerhalb des Tempels ist hoch auf dem Dach. Hier säumen vier vergoldete Dächer den Lichthof, wo sich die Gebetshallen befinden.

Phantastisch ist auch der Blick vom Dach des Jokhang Tempels zum Potala.

Der Pilgerweg rund um den Jokhang Tempel, der Barkhor,...

hat mich auch dieses Mal wieder ganz in seinen Bann gezogen. Besonders am Abend schien der Strom der Pilger, die den Tempel umwanderten, endlos.

Andächtig mit einer Gebetsmühle oder einer tibetischen Gebetskette oder auch munter mit Freunden plaudernd herrschte auf dem Barkor lebhaftes Treiben. Wie gut, dass mein Hotel, das Kyichu, kaum mehr als zehn Gehminuten vom Barkhor entfernt war, so dass ich den Tag ausklingen lassen konnte.

Deprimierend fand ich seinerzeit allerdings die chinesischen Wachposten, die in regelmäßigen Abständen rund um den Barkhor postiert waren. Mit aufmerksamen Blicken wurde so das Treiben rund um den Barkhor beobachtet und kontrolliert. Das gab es bei meinem Besuch in Lhasa 2019 nicht mehr. Inzwischen wurden die Wachposten durch ein sehr viel moderneres System von Überwachungskameras auf den Häuserdächern ersetzt.

Der Ramoche Tempel...

...wird auch der "Kleine Jokhang-Tempel" genannt. Beide wurden nahezu zur gleichen Zeit auf Geheiß von Prinzessin Wen Cheng errichtet, um dort zwei Shakyamuni Buddhastatuen verehren zu lassen. Eine hatte Wen Cheng zu ihrer Vermählung mit dem tibetischen König Songtsen Gampo als Mitgift mitgebracht. Die zweite war die Mitgift von Prinzessin Brikhuti aus Nepal als Geschenk zur Vermählung mit Songtsen Gampos. Der dreistöckige Ramoche Tempel liegt in Laufweite nördlich des Barkhor und ist nach dem Jokhang Tempel der wichtigste in Tibet und sehr sehenswert, wenn mann die Zeit erübrigen kann. Allerdings wurde er während der Kulturrevolution zerstört und später wieder aufgebaut.

Norbulingka, der Sommerpalast der Dalai Lamas

Norbulingka bedeutet im tibetischen soviel wie "Juwelen-Garten". Das trifft es sehr gut, denn diese wunderbare fast 40 ha große Parkanlage südwestlich vom Potala ist die schönste und größte in Tibet. Im 16. Jhd. wurde hier der erste Palast für den 8. Dalai Lama in der Nähe des heutigen Eingangs errichtet. Sehr schnell avancierte dieser Palast zur Sommerresidenz. Die wurde auch von den nachfolgenden Dalai Lamas genutzt. Jeweils am 18. Tag des dritten Mondmonats zogen die Dalai Lamas in einer festlichen Prozession vom Potala, ihrem Winterpalast, in den Norbulingka. Im äußersten Nordwesten errichtete der 13. Dalai Lama einen weiteren Palast und 1956 ließ der 14. Dalai Lama den "Neuen Sommerpalast" bauen, aus dem er 1959 vor der chinesischen Machtübernahme nach Indien floh.

Der Lukhang Tempel...

wird von westlichen Touristen nur wenig besucht. Er liegt ganz idyllisch auf einer kleinen Insel in einem Park nördlich des Potala. Von den Einheimischen wird der Park gerne zum Picknicken besucht. Der Tempel ist bekannt für seine schönen Wandmalereien, die aus dem 18. Jhd. stammen. Auf der zweiten Etage begeisterten mich die Wandmalereien, die eine Geschichte erzählen, die durch eine tibetische Oper sehr bekannt wurden. Im dritten Stockwerk sind eine Vielzahl von indischen Yogis in verschiedenen Posen abgebildet. Wer etwas mehr Zeit in Lhasa zur Verfügung hat, für den ist dieser Tempel ein schöner zusätzlicher Besichtigungspunkt. 

Großklöster Drepung, Sera und Ganden

Auch wenn ich auf meiner Tibet-Reise 1992 - Von Lhasa zum Kailash, alle drei Großklöster schon besucht hatte, wollte ich unbedingt noch einmal dorthin. Alle drei gehörten im "alten Tibet" zu den bedeutendsten des Landes. Bis zu 9.000 Mönchen lebten in jedem der Klöster. Gleichzeitig beherbergten sie die wichtigsten Klosteruniversitäten. Drepung und Sera wurden erstaunlicherweise trotz ihrer Nähe zu Lhasa in der Kulturrevolution kaum zerstört, während das 40 km östlich von Lhasa liegende Kloster Ganden nahezu völlig dem Erdboden gleich gemacht wurde.

Das Kloster Drepung...

hatte mich damals schon in Staunen versetzt. In früheren Zeiten galt es als die größte Klosterstadt der Welt. Hier war seinerzeit auch der Hauptwohnsitz der Dalai Lamas. Erst der 5. Dalai Lama verlegte ihn in den Potala Palast.

Am meisten begeisterte mich auch dieses Mal wieder die Versammlungshalle. 180 massive Holzpfeiler tragen das Dach dieser riesigen Halle. In den Nischen, Erkern und Kapellen rundherum wird einem fast schwindelig von der Vielzahl der prächtigen Buddhastatuen.Seinerzeit durfte man noch gegen ein recht erschaubares Entgeld im Inneren der Klöster fotografieren. Das war mir wirklich jeden Cent wert. Heute ist es leider heute in den meisten Klöstern in Tibet gar nicht mehr erlaubt.

Das Kloster Sera...

...gehörte von Anfang an in Tibet neben Ganden zu meinen "Lieblings"-Klöstern. Die Lage m Hang, die herrliche Sicht vom Dach der Klostergebäude über das Tal von Lhasa und auf den Potala und der schöne Pilgerweg um das Kloster hatten es mir von Anfang an "angetan". Vielleicht liegt es auch daran, dass ich auf meiner Tibet-Reise 1992 - "Von Lhasa zum Kailash" hier zu ersten Mal die Mönchs-Debatten gesehen hatte. Die sind mir heute noch ganz eindrücklich in Erinnerung. Bei gutem Wetter finden die in Sera jeden Nachmittag ab 15 Uhr im Klostergarten statt.

An diesem Morgen schien bereits reges Leben im Kloster zu herrschen. Schon von weitem hörten wir die tiefe Schläge einer Puja-Trommel und den murmelnden Gesang der Mönche beim Rezitieren der Gebets-Mantren. Soney hatte so gleich eine Idee aus welcher der vielen Gebetsräume der Klang wohl kommen könnte und wir eilten dorthin. Ganz zurückhaltend, fast schüchtern warfen wir einen ersten Blick hinein. Einer der Mönche deutete mit einer Handbewegung auf einige Bodenpolster. Nur zu gerne nehmen wir Platz und lauschen andächtig den Klängen. Wannimmer ich das Glück hatte bei einer Puja dabei zu sein hat mich die Atmosphäre sehr bewegt.

Als wir uns nach einer Weile wieder zurückziehen und in den Innenhof treten hören wir weitere Gesänge. Noch einmal folgen wir dem Klang und treffen auf eine Gruppe von Tibeter, die mit Dachausbesserungsarbeiten beschäftigt sind. Wie schön, diesen alten tibetischen Brauch noch einmal zu erleben...wie schön, dass es dieser alte tibetische Brauch immer noch gelebt wird. Jung und Alt singen und stampfen gemeinsam mit viel Inbrunst.

In Sera gehört für mich der Spaziergang auf dem Pilgerweg, der Kora, rund um das Klostergelände unbedingt mit zum Besuch. Der Weg bietet besonders viele schöne Ausblicke auf das Kloster und die Umgebung. Ganz besonders finde ich hier die buddhistischen Felsmalereien. Gerne schließen wir unseiner kleinen Gruppe tibetischer Pilger an.

 

Ganden - "Garten des vollkommenen siegreichen Glücks"...

...lautet die wörtliche Übersetzung aus dem tibetischen. Auf den Besuch war ich ganz besonders gespannt. Auf meiner Tibet-Reise 1992 hatte uns alle der Anblick der vielen zerstörten Gebäude tief bewegt. Neben dem Haupttempel waren seinerzeit nur einige ganz wenige weitere Gebäude wieder aufgebaut worden wie auf dem Bild aus 1992 rechts zu sehen ist. Inzwischen sollte nahezu der gesamte Gebäudekomplex wieder hergestellt sein.

Das wieder aufgebaute Ganden übertraf meine kühnsten Erwartungen! Und das alles in dieser wunderbaren Umgebung hoch über dem Flusstal des Kyichu. Jetzt freute ich mich umso mehr, dass ich eine Übernachtung an diesem schönen Ort eingeplant hatte. So konnte ich mich hier in aller Ruhe umschauen. Es ist herrlich sich zwischen den verschiedenen Klostergebäuden aus den unterschiedlichsten Perspektiven umzuschauen und zu fotografieren.

Über den Pilgerweg rund um das Kloster Ganden hatte ich schon viel schönes gelesen. Es war wie im Traum durch diese phantastische Landschaft zu laufen. Jede Wegbiegung bot neue und wie mir schien noch schönere Ausblicke auf die Klosterstadt und die grandiose Umgebung. Es war unbeschreiblich.

Gegen 15 Uhr fuhren auch die letzten Tagesausflügler nach Lhasa zurück und wir teilten uns das Kloster und die herrliche Landschaft nur noch mit den Mönchen und den Gästehausbesitzern, bei denen wir übernachteten. Das Gästehaus und die Zimmer waren denkbar einfach, aber schon allein die Aussicht von meinem Zimmer machte das wieder wett.

Später gingen wir noch einmal zu einem gebetsfahnengeschmückten Aussichtspunkt. Im Wind flatternde Gebetsfahnen haben mich schon immer magisch angezogenund und ich konnte meinen Blick kaum abwenden. Welch eine unbeschreiblich schöne Stimmung an einem unbeschreiblich schönen Platz.

Für den nächsten Morgen hatten wir den Besuch der Kloster-Innenräume geplant. Es waren auch schon einige tibetische Pilger angekommen, die bereits ehrfürchtig die Kora gegangen waren und nun auch auf den Einlass warteten.

Die älteren Tibeterinnen waren noch typisch tibetisch gekleidet. Eine trug sogar noch die ganz traditionellen Filstiefel. Eine andere Tibeterin hatte ihren Perak angelegt, den traditionellen tibetischen Kopfschmuck reich geschmückt mit Türkisen. Nachdem wir uns gegenseitig ein wenig bestaunt hatten war es auch schon soweit und die Klosterräume wurden geöffnet.

Heiliger Basum Tso - Tsmogo Village und Wanderung zu einem kleinen See

Ich war noch ganz benommen von den vielen Eindücken im Ganden Kloster als wir uns wieder auf den Weg machten. Dabei habe ich die Geduld von Soney und Lobsang, unserem Fahrer, wahrscheinlich ziemlich strapaziert. Die Landschaft war so beeindruckend, dass ich das Gefühl hatte, das ich nach jeder Wegbiegung noch einmal fotografieren musste.

Um Soney und Lobsang nicht zu sehr zu nerven hatte ich angefangen, viele Bilder nur noch bei geöffnetem Fenster aus dem fahrenden Auto zu machen. Dabei war Lobsang unglaublich aufmerksam! Sobald er sah - und er sah es nahezu immer - dass ich die Kamera in die Hand nahm und das Fenster öffnete, fuhr er sogleich langsamer.

Im Kyichu-Tal wendeten wir uns ostwärts. Den Kyichu-Fluss und das Tal ließen wir bald hinter uns. Die Straße führte einigermaßen unspektakulär über den 4.728 m hohen Mila Pass. Ab hier änderte sich die Landschaft fast schlagartig. Es wurde grün. Die Berghänge waren größtenteil bewaldet. Die Gegend wird auch die "tibetische Schweiz" genannt. Dabei passierten wir immer wieder Neubausiedlungen. Auf den ersten Blick waren das schmucke Häuser. Auf den zweiten Blick wurde klar, dass die meisten leer standen. Die Chinesen hatten diese Siedlungshäuser errichtet, um die Tibeter zu bewegen aus ihren einfachen traditionellen Lehmhäusern hierher zu ziehen. Allerdings zogen es die meisten Tibeter vor, in ihren Dörfern und ihren eigenen Häusern zu bleiben.

Schließlich bogen wir in Richtung Norden ab zum Druksom Tso, der auf den meisten Straßenkarten Basum Tso genannt wird. Der See, die Insel und das kleine Kloster auf der Insel galt den Tibetern als ein besonderes Heiligtum. Nachdem wir unsere Zimmer im Basum Tso Holiday Resort bezogen hatten, dessen Name wohlklingender war als das Resort selbst, schlenderten wir zum Seeufer und besuchten die Insel und das Kloster.

Wir blieben nur eine Nacht hier. Am nächsten Morgen brachen wir früh auf, denn wir hatten eine kleine Trekkingtour geplant. Zunächst ging es mit dem Motorboot bis zum Ostende des Druksum Tso. Hier warteten schon zwei Packpferde mit der kompletten Campingausrüstung. Wir beluden die Packtiere und dann wanderten wir auch schon los. Wir folgten eine ganze Weile dem Ufer des Sees bis wir zum Dorf Tsmogo kamen.

Hier legten wir erst einmal eine Zwangspause ein. Das Gepäck war offensichtlich nicht sehr fachmännisch auf den Packpferden verstaut worden. Erste Gepäckstücke fingen bereits an zu rutschen und behinderten die Ponies beim Laufen. Ein netter Tibeter aus Tsmogo eilte sogleich helfend herbei. Ein Pony nach dem anderen wurde erst mal wieder komplett entladen, um das Gepäck dann wieder von Grund auf neu festzuzurren. 

Da meine Hilfe dabei nicht gebraucht wurde nutzte ich die Gelegenheit und schaute mich ein wenig im Dorf um. Die Einheimischen waren unglaublich freundlich und auch ein wenig neugierig, denn Touristen waren bisher noch kaum hierher gekommen.

Als wir schon fast wieder aufbrechen wollten wurden wir noch auf einen Tee in das Haus unseres freundlichen Packhelfers eingeladen. Da konnten wir unmöglich nein sagen. Außerdem war ich naürlich auch sehr daran interessiert mal zu sehen, wie die Tibeter in ihren urigen Häusern lebten.

Ich war ganz überrascht, wie gemütlich und durchaus mit einem gewissen Komfort das Haus eingerichtet war. Selbst einen elektrischen Mixer gab es hier. Die Zeiten des Butterfasses für die Zubereitung des Buttertees waren hier also ganz offensichtlich vorbei.

Schließlich mussten wir uns aber doch loseisen, wenn wir heute unser Wanderziel noch erreichen wollten. Es lagen noch etwa 10 km vor uns zu einem etwas höher gelegenen See. Es gab einen ausgetretenen Pfad, der mit einigen kleineren Anstiegen direkt zum Seeufer führte. Hier bauten wir unsere Zelte auf. Leider war das Wetter nicht so gut, so dass die Ausblicke auf den See und die dahinter liegenden schneebedeckten Berge nicht ganz so beeindruckend waren. Zwischendurch regnete es sogar einmal eine Zeit. Beeindruckend waren die vielen Blumen die dort oben wuchsen. Am nächsten Tag ging es dann auf gleichem Weg wieder zurück zum Basum Tso Holiday Resort.

Entlang des legendären Yarlung Tsangpo zum Lhamo Lhatso und nach Tsetang

Früher Aufbruch! Es lag heute eine richtig lange Fahrstrecke vor uns. Zunächst ging es zurück zur Hauptstrecke, der wir dann weiter in Richtung Osten folgten.

Bei Bayi erreichten wir den östlichsten Punkt unserer Reise. Hier trafen wir auch auf den Bramaputra, der in Tibet Yarlung Tsangpo heißt und von nun an unser Begleiter blieb. Wir folgten ihm flusssaufwärts in westlicher Richtung. Die geteerte Straße hatte bald ein Ende. Ab Menling arbeiteten wir uns mit unserem Toyota Landcruiser über eine teilweise ziemlich abenteuerliche Sandpiste.

Schon auf meiner Tibet-Reise 1992 - "Von Lhasa bis zum Kailash" war der Yarlung Tsangpo lange Zeit mein Begleiter gewesen. Von Zentraltibet bis zum Kailash hatten wir den Fluss so viele Male durchfahren oder auf einer Fähre überquert. Ich hatte mich schon lange darauf gefreut, auch diesen Abschnitt des legendären Flusses kennenzulernen.

Die Nase habe ich mir fast an der Scheibe platt gedrückt, denn jede Wegbiegung gab neu phantastische Ausblicke auf das grandiose Flusstal frei.

Stellenweise war das Fahren jedoch eine echte Herausforderung. Es gab meterhohe Sandverwehungen und damit auch kilometerlange Sandpassagen. Lobsang manövrierte uns jedoch trotz seiner jungen Jahren mit viel Geschick durch alle Schwierigkeiten.

Nicht nur die Landschaft überraschte uns nach nahezu jeder Wegbiegung mit einem neuen, teilweise völlig anderen Landschftspanorama. Auch das Wetter hielt so manche Überraschung für uns bereit. So wechselten sich strahlender Sonnenschein fast mit Regelmäßigkeit mit drohenden tiefhängenden Wolken und Regenschauern ab.

Nach all den unglaublich beeindruckenden Ausblicken auf diese traumhafte Komposition aus Flusslandschaft und schroffen Bergen wurden wir auch noch mit einem doppelten Regenbogen belohnt. So etwas hatte ich noch nie zuvor gesehen. Auch Soney und Lobsang waren ganz "hin und weg". Der Regenbogen hat für die Tibeter eine tiefe Bedeutung, aber ein doppelter Regenbogen ist noch einmal etwas ganz besonderes. Wie für uns ist auch für die Tibeter der Regenbogen die farbenprächtige Verbindung von Himmel und Erde - von Diesseits und Jenseits. Wir konnten den Blick kaum abwenden!

Aber wir mussten weiter, denn es war nicht ratsam auf dieser anspruchsvollen Strecke in der Dunkelheit zu fahren. So rissen wir uns los, um auch noch die letzten Kilometer im Glanz der tiefstehenden Sonne zu genießen. Noch einmal änderte sich die Landschaft. Unser Tagesziel, der kleine Ort Gyatsa, kam näher. Hier gab nach langer Zeit mal wieder einige Dörfer, umgeben von herrlich tiefgrünen Felder und einigen kleinen Wäldern.

Unsere Unterkunft in Gyatsa war denkbar einfach und das Zimmer in dem kleinen Gästehaus alles andere als sauber. Wie gut, dass ich meinen Schlafsack dabei hatte! Der kleine Ort bestand nur aus einer einzigen staubigen häuserbestanden Straße. Am Morgen gab es einen Markt, auf dem hauptsächlich Yatsa Gunbu, der tibetische Raupenpilz, verkauft wurde. Hier in Gyatsa war einer der Hauptumschlagplätze in der Region für diesen überaus teuren und von Chinesen als Stärkungsmittel heiß begehrten Raupenpils. Entsprechend hoch sind die Preise mit bis zu 12.000 € für ein halbes Kilo und entsprechend viele Tibeter brechen von hier aus in der Haupt-"Erntezeit" in die höhergelegenen Regionen auf, um nach Yatsa Gunbu zu suchen.

Der Orakel-See Lhamo Lha-Tso

Auch wir brachen auf, um den Lhamo Lha Tso zu sehen. Von Gyatsa, das auf ca. 3.500 m liegt, geht es in ca. 50 km und vielen Serpentinen hinauf bis auf fast 5.000 m. Zusammen mit dem Manasarowar See, dem Yamdrok Tso und dem Nam Tso gehört er zu den heiligsten Seen in Tibet. Eingerahmt von einer malerischen Berglandschaft liegt dieser gerade einmal einen qkm große See auf einer Höhe von 4.930 m. Auf dem Orakel-See, wie er in Tibet auch genannt wird, sollen Bilder erscheinen, die als Prophezeihungen angesehen werden. Deshab kamen in früheren Zeiten die Dalai Lamas regelmäßig hierher, um zu meditieren und Hinweise für die Zukunft zu erhalten.

Hier oben war es selbst Mitte Mai noch tiefster Winter. Auf dem Aussichtspunkt auf fast 5.000 m pfiff ein eisig kalter Wind. Ich mochte kaum die Hände zum Fotografieren aus den Taschen nehmen. So bedeutungsvoll dieser heilige See auch sein mochte - hier war unseres Bleibens nicht länger. Wir stapften so schnell wie möglich zurück zu unserem Landcruiser.

Auf nach Tsetang

Unser nächstes Ziel war Tsetang, das wir heute noch erreichen wollten. Also ging es erst einmal vom Lhamo Lha-Tso auf fast 5.000 m hinab in das Tal des Yarlung Tsangpo auf ca. 3.500 m, um ihm weiter flussaufwärts zu folgen. Nach wenigen Kilometern verlässt die Straße allerdings das Flusstal, das hier besonders eng ist. Es beginnt die Auffahrt auf den 4.780 m hohen Yardo Drak La-Pass. Die Ausblicke während der Fahrt und oben auf der Passhöhe sind einfach nur phantastisch!

Genauso schnell kamen wir dann wieder zurück auf eine Höhe von ca. 3.500 m. Noch einmal veränderte sich die Landschaft innerhalb kürzester Zeit dramatisch.

Von der fast schon üppigen Vegetation in der "tibetischen Schweiz", die sich abgeschwächt noch bis in das Yarlung Tsangpo-Tal hinein erstreckt hatte, war hier kaum noch etwas zu sehen. Es herrschte wieder die für Zentraltibet so typische Hochgebirgswüste vor. Wie der Mila La-Pass auf unserer nördlichen Route bildete ganz offensichtlich hier der Yardo Drak La-Pass eine kleine Wetter- oder Klimascheide. Hier war nur noch wenig Grün zu entdecken.

Der Yambu Lhakhang, die älteste Festung Tibets...

stand in Tsetang auf unserem Programm. Nach der Überlieferung soll sie mit zu den ersten festen Gebäuden in Tibet gehört haben. Es diente gleichzeitig dem ersten tibetischen König Nyatri Tsanpo als Palast und liegt erhaben und stolz auf einem Hügel hoch über dem Tal. Als Songtsen Gampo, der 33. König Tibets, seinen Regierungssitz nach Lhasa verlegte wurde der Yambu Lhakhang in einen Tempel umgewandelt.

Kloster Samye

Knapp 40 km von Tsetang entfernt in einem Seitental nördlich des Yarlung Tsangpo steht  das Kloster Samye. Es wurde im 8. Jhd. unter der Regentschaft des Königs Trison Detsen erbaut. Eine Besonderheit ist die Architektur, die Merkmale der tibetischen, chinesischen und indischen Kultur harmonisch vereint. Auf meiner Tibet-Reise 1992 - von Lhasa bis zum Kailash hatte ich Samye bereits besucht. Seitdem hatte sich viel verändert.

Seinerzeit lag das Kloster noch fast fernab von allem "Weltlichen". Es gab keine Straße und  keine Brücke über den Yarlung Tsangpo. Per Fähre musste man auf langer Fahrt den hier ziemlich breiten Fluss überqueren und anschließend auf der Ladefläche eines Transport-LKW die letzte halbe Stunde zurücklegen. Damals waren wir die einzigen Touristen und teilten uns die Ladefläche mit einer Gruppe tibetischer Pilger. Eine Begegnung, die mich noch heute sehr berührt...

Die Fähre gab es doch tatsächlich auch 2006 noch, obwohl inzwischen auch eine Brücke und eine Straße gebaut worden war. Für mich war es gar keine Frage, das wir die Fähren nehmen würden - wenigstens für eine Strecke. Doch auch die Überlandstrecke nach Samye hatte ihren Reiz. Sie führte über einen 3.800 m hohen Pass, der einen herrlichen Ausblick in Richtung Yarlung Tsangpo bot.

Die heißen Quellen von Terdrom - Klöster Drigung und Reting

Nach dem Besuch des Samye Klosters legten wir einen kurzen Zwischenstop in Lhasa ein. Von hier aus wendeten wir uns noch einmal in Richtung Osten. Etwa 100 km fuhren wir auf derselben Strecke wie vor kaum einer Woche vorbei am Kloster Ganden. Bei Meldo Gungkhar, dem einzigen größeren Ort in der Region, fuhren wir auf einer schmalen Asphaltstraße in Richtung Nordosten. Was für ein schönes Tal!

Nach einer Weile bogen wir noch einmal in ein Seitental ab, das uns direkt zum Drigung Kloster und dem gleichnamigen Dorf führte. Das Kloster lag hoch über dem Dorf und schmiegte sich zusammen mit vielen kleinen Mönchsbehausungen an den Berghang.

Hierher schienen nur selten Touristen zu kommen, denn die Mönche beobachteten uns mit unverhohlener Neugier. Dabei waren sie eigentlich intensiv damit beschäftigt, die Bewegungen und Tänze für das nächste Klosterfest zu üben. Hier galt es auch keine Zeit zu verlieren, denn das Fest sollte schon in einigen Tagen stattfinden. Die Übungen kamen jedoch erst einmal in's Stocken, als wir hier "auftauchten". Eine kurze Zeit schauten wir uns noch im Kloster um, um uns dann ganz diskret wieder zurückzuziehen, denn wir wollten die Mönche nicht unnötig lange stören.

So machten wir uns recht flott auf zur Weiterfahrt zu den heißen Quellen von Terdrom und dem gleichnamigen Nonnenkloster. Schon von weitem wiesen die Gebetsfahnen den Weg zu dem Quellen, dessen Wasser den Tibetern heilig ist und dem sie heilende Kräfte zuschreiben. Zu einem Bad konnten mich die hölzernen Badehallen jedoch nicht so recht verlocken. Da wir hier übernachten wollten schauten wir uns nach einem Schlafplatz um. Eine freundliche Tibeterin führte uns herum und zeigte uns verschiedene Schlafgemächer.

Die Übernachtung hier habe ich bis heute nicht vergessen - als eine der schlechtesten unter den sehr einfachen, die ich auf meinen Reisen in abgelegenen Regionen erlebt habe. Da die Tür nicht dicht schloss und auch eine Scheibe herausgebrochen war, hatte ich vorsorglich schon den Beutel mit Keksen und anderen Leckereien an der Decke an einem Haken aufgehängt. Eine sehr weise Entscheidung! Kaum hatte ich es mir zur Nachtruhe in meinem Schlafsack einigermaßen gemütlich gemacht und das Licht gelöscht, begann ein lebhaftes Rascheln und Tappsen. Sobald ich mich bewegte wurde es erst einmal wieder still. Aber es dauerte nicht lange und es begann auf's neue. Gottseidank hatte ich auch den Waschbeutel und alles andere duftende noch aus dem Gepäck genommen und aufgehängt, damit mein Rucksack nicht angenagt werden würde... Heutzutage soll es es in der Nähe von Terdrom eine sehr viel bessere Unterkunft geben.

Ziemlich früh wachte ich am Morgen auf und verließ mit den ersten Sonnenstrahlen mit großer Freude mein "Schlafgemach". Auch Soney und Lobsang hatten sich schon ein schönes Sonnenplätzchen gesucht. So fuhren wir dann auch ziemlich zeitig los. Unterwegs hielten wir nach einem kleinen tibetischen Restaurant Ausschau. Eine tibetische Tukpa (Gemüsesuppe) und tibetisches Brot war für uns mehr wie ausreichend! Dann ging es weiter in Richtung Kloster Reting.

Was für eine schöne Fahrt! Nirgendwo ist das Sprichwort "Der Weg ist das Ziel" so zutreffend wie in Tibet oder allgemein in der Himalaya-Region. Die Flusslandschaft war einfach nur großartig.

Die geteerte Straße ließen wir bald hinter uns. Doch auch auf der Staubpiste kamen wir gut voran. In dem kleinen Ort Phodo Dzong legten wir eine Mittagspause ein. Ein tibetisches Restaurant und ein leckeres Mittagessen mit Gemüse und Reis war schnell gefunden. So wurde es Nachmittag bis wir das Kloster Reting nach 120 km erreichten. Eine Vielzahl von Chorten am Wegesrand hatten bereits das Nahen des Ortes angekündigt.

Nach den letzten Übernachtungs-Erfahrungen schauten wir uns zunächst einmal das Klostergästehaus an. Mit enigen skeptischen Erwartungen gingen wir gemeinsam mit einem Mönch auf das Lehmhaus zu. Gottseidank waren Räume um einiges sauberer und ordentlicher.  Vor allem gab es gut schließende Türen und einen fest gestampften Lehmboden. Dadurch war es in den Räumen weniger staubig. Wir waren einigermaßen beruhigt.

Der Mönch, der uns zu unseren Zimmern geführt hatte, war auch gerne bereit uns das Kloster zu zeigen. Ob wir denn Interesse hätten uns ein Sand-Mandala anzuschauen. Was für eine Frage! Natürlich hatten wir! Was für ein Glück, so etwas noch einmal zu sehen! Auch Soney und Lobsang waren begeistert, denn ein Sand-Mandala hat für Buddhisten eine tiefe Bedeutung. Ganz andächtig und mit viel Ehrfurcht betraten wir den Raum.

Sand-Mandalas werden auf eine ganz bestimmte rituelle Weise erstellt. Dabei werden die Motive aus mit Farbe gemischtem Sand gestreut. Schon das Streuen des Sandes mit einer Metallhülse erfordert von den Mönchen höchste Konzentration und ist wirkliche Präzisionsarbeit. Oft dauert es viele Wochen bis ein detailreiches Bild fertiggestelt ist. Nach buddhistischer Tradition wird es nach seiner Fertigstellung zusammen gewischt und in einen Fluss gestreut und damit der Natur übergeben als Symbol für die Vergänglichkeit allen Lebens. Gleichzeitig ist es ein Sinnbild für die Loslösung von der materiellen Welt.

Obwohl das Kloster und die Klosterhöfe teilweise etwas schmuddelig und unaufgeräumt aussahen, war die Versammlungshalle eine wahre Pracht. Sichtlich stolz zeigte uns der Mönch die Räume und schien sich über unsere Begeisterung zu freuen. Er versuchte immer wieder sich mit einigen "Brocken" Englisch mit uns zu unterhalten. Allzu weit kam er damit jedoch nicht und so halfen Soney und Lobsang immer wieder mit Tibetisch aus.

Es war schon später Nachmittag als wir das Kloster wieder verließen. Wir machten uns sogleich auf, um auf dem Pilgerweg, der Kora, das Kloster zu umrunden. Dabei offenbarte sich uns noch einmal die besondere Schönheit der Umgebung. Ganz ungewöhnlich für Tibet waren die Wachholderbäume und Zypressen, die hier in großer Zahl wuchsen - allerdings nur auf dieser Talseite, wo auch das Kloster stand.

Eine Legende sagt, das hier einst die Landschaft genauso karg und wüstenhaft war wie man es überwiegend in Tibet antrifft. Doch dann wuchsen hier auf wunderbare Weise 30.000 Zypressen nachdem der tibetische König Songtsen Gampo sein Haarwaschwasser über den Hang gegossen und gebetet hatte. 

Als die tiefstehende Sonne sich noch einmal ihren Weg durch die Wolken bahnte erstrahlte die ganze Umgebung in einem ganz besonders intensivem Licht. Da konnten wir gar nicht anders als uns ein schönes Plätzchen in der Sonne mit einem noch viel schöneren Ausblick zu suchen, um die letzten Sonnenstrahlen des Tages zu genießen. Lobsang, unser Fahrer, machte es sich sogleich auf einem "Liege"-Stein bequem und wurde zum "Sonnenanbeter".

Auch die Mönche nutzten die letzten wärmenden Sonnenstrahlen. Sie hatten sich auf dem Klostervorplatz versammelt, um ihre abendlichen Debatten abzuhalten. Um nicht zu stören nahmen wir in einiger Entfernung Platz und beobachteten das ganze eine Weile. Als die Sonne hinter den Bergen verschwand wurde es jedoch direkt ziemlich kühl und wir gingen zunächst einmal auf unsere Zimmer, um alles für die Nachtruhe vorzubereiten.

Soney und Lobsang hatten sich inzwischen schon mal um unser Abendessen gekümmert und sich nach der Klosterküche umgeschaut. Die war eigentlich schon geschlossen. Also machten Sie sich auf die Suche nach dem Koch. Es dauerte eine ganze Weile bis die beiden wieder auftauchten. Der Koch war heute wohl nicht mehr im Kloster und so hatten sie einen Mönch im Schlepptau, der angeblich schon mal öfters als Hilfskoch ausgeholfen hatte.

Der hatte sich über seine Mönchskleider zu Ehren seiner westlichen Gäste erst mal ein Jacket übergezogen und machte sich an's Werk. Bei einem Milchtee machten wir es uns in der Klosterküche gemütlich. So richtig vertrauenserweckend erschienen uns seine Kochkünste beim Zuschauen nicht gerade. Schneller als uns lieb war, war es dann auch schon mit der Gemütlichkeit in der Klosterküche vorbei. Langsam aber sicher füllte sich der gesamte Raum mit dichtem, fasst beißenden Rauch, so dass wir erst einmal mit Tränen in den Augen und einem Kratzen im Hals Reißaus nahmen. Wir würden das Treiben in der Küche erst mal lieber von draußen im Hof durch das Fenster beobachten.

Die Mägen knurrten und die Langeweile drückte. Lobsang begann sich mit diesem und jenem zu beschäftigen...und wir schauten ihm mehr oder weniger interessiert zu. Hauptsache ein wenig Ablenkung...

Dann war es endlich soweit. Der Koch rief uns zum Essen. Die Küche war zwar noch immer einigermaßen verraucht, aber das Essen - wieder das übliche Gemüse mit Reis - war ganz o.k.

Die Tibet-Bahn und der "See des Himmels" Nam Tso

Während unserer 130 km vom Reting Kloster zum Nam Tso rumpelten wir die Hälfte des Weges über eine einfache ungeteerte Straße. Erst in der Nähe von Damxung trafen wir auf die Verbindungssstrecke zwischen Lhasa und Xining, die recht gut ausgebaut war. Allerdings folgte wir dieser Straße nur kurz. Doch auf diesem kurzen Stück begegneten wir "ihr" zum ersten Mal - der Trasse der neuen Tibet-Bahn. Im Mai 2006 war sie kurz vor ihrer Inbetriebnahme.,

Wann immer wir in den letzten Wochen während unser Reise mit Tibetern in's Gespräch gekommen waren war die Lhasa-Bahn eines der Hauptgesprächsthemen. Alle waren in ganz großer Sorge, dass diese Bahn noch viel mehr Chinesen in ihr Land bringen würde. Nur wenig später wurde klar, dass selbst die schlimmsten Befürchtungen der Tibeter noch bei weitem übertroffen wurden. Bis heute habe ich mich nicht entschließen können mit der Bahn nach Tibet zu fahren. So schön die Strecke landschaftlich auch sein mag - ich hätte das Gefühl - etwas pathetisch gesprochen - auf den Spuren der chinesischen Besatzer nach Tibet zu reisen.

Doch dann war es soweit! Vom über 5.190 m hohen Lachen La-Pass schimmert uns zwischen Gebetsfahnen der tiefblaue Nam Tso entgegen. Was für ein Anblick! Voller Erwartung fuhren wir auf die Tashi Dor-Halbinsel, wo der See grandios vor den bis auf über 6.000 m hoch aufragenden Tangglung-Bergen liegt.

"See des Himmels" bedeutet Nam Tso auf tibetisch. Für die Tibeter ist er einer ihrer vier heiligen Seen - Manasarowar See, Yamdrok Tso, Lhamo Lhatso und Nam Tso. Auf 4718 m über dem Meeresspiegel gehört er zu den höchst gelegenen Seen dieser Welt. Er ist 70 km lang, 30 km breit und bedeckt eine Fläche von 1920 qkm Bisher habe ich auf meinen Reisen nur einen einzigen vergleichbar schönen Hochgebirgssee gesehen. Das war der Pagong Tso im nordindischen Himalaya in Ladakh, den ich auf meiner Indien-Reise 2016 nach Kashmir, Zanskar & Ladakh besucht habe.

Immer wieder begegneten wir Pilgern, die andächtig und Gebete murmelnd die heilige Tashi Dor-Halbinsel entlang des Ufers umwanderten.

Was kann es schöneres geben als in einer so herrlichen Umgebung mit Blick auf den See und die schneebedeckten Berge und in unmittelbarer Nähe zum Tashi Dor Kloster und den heiligen Tashi Dor Felsen zu übernachten - auch wenn die Zeltunterkünfte etwas einfacher sind.

Am See zu übernachten war eine gute Wahl gewesen. Die meisten Besucher fuhren noch am gleichen Tag nach Lhasa zurück. So kehrte im Laufe des Nachmittages noch mehr Ruhe und Beschaulichkeit ein. Die Zelte waren für diese abgelegene Gegend eine wirklich gute Übernachtungsmöglichkeit. Sie hatten  Stehhöhe und waren mit Feldbetten und einem Tisch ausgestattet. Hier ließ es sich wunderbar im eigenen warmen Schlafsack übernachten.

Am späten Nachmittag kamen anscheinend regelmäßig viele tibetische Nomaden aus der ganzen Umgebung hierher. Einige kamen stolz zu Pferd - andere brachten prächtig geschmückte Yaks mit. Sie hatten sicher gehofft, dass sie an uns ein paar Yuan verdienen konnten. Immer wieder boten sie uns ihre Pferde und Yaks als Fotomotive an.

Nach einer kühlen Nacht im warmen Schlafsack hatte ich mich auf einen schönen Sonnenaufgang über dem See und den Tangglang-Bergen gefreut. Aber ein kurzer Blick nach draußen zeigte tief hängende Wolken. Da verzog ich mich doch lieber noch mal in meinen Schlafsack. Später ging es nach einem einfachen Frühstück im Zeltrestaurant zurück nach Lhasa.

Entlang des Yamdrok See nach Gyantse

In Lhasa musste ich mich leider von Soney verabschieden. Umso mehr freute ich mich, dass Lobsang und sein Toyota Landcruiser auch während der letzten Überlandetappe zurück nach Nepal dabei sein würde. Als Guide sollte uns Lidong begleiten. Er war gerade dabei Deutsch zu lernen und sehr, sehr wissbegierig. So hatten wir für die kommenden Tage während der Fahrten ein weites "Betätigungsfeld". Lidong war immer gut "drauf", eine wirkliche Frohnatur und unglaublich fürsorglich. Außerdem wusste er sich in jeder Situation zu helfen, was er leider viel früher unter Beweis stellen musste, als mir lieb war.

Unsere erste gemeinsame Etappe führte uns von Lhasa nach Gyantse. Auf dieser Strecke war ich auf meiner Tibet-Reise 1992 - "Von Lhasa zum Kailash" bereits auf unsäglich schlechter Piste geholpert. Inzwischen war ein Großteil der Strecke asphaltiert und gut zu fahren. Dem Halt auf dem knapp 5.000 m hohen Kamba La-Pass und dem unglaublich grandiosen Blick von hier oben hatte ich schon entgegen gefiebert.

Wie schon in Lhasa und Umgebung fiel auch hier auf, dass erheblich mehr Touristen unterwegs waren. 1992 waren wir nahezu überall die einzigen westlichen Besucher gewesen. Inzwischen standen auch hier - wie am Nam Tso - Tibeter mit ihren prächtig geschmückten Pferden und Yaks bereit, um besondere Fotomotive für die Reisenden zu bieten und tibetische Andenken zu verkaufen.

Die asphaltierte Straße konnten wir noch bis zum westlichen Ende des Yamdrok Tso genießen. Ab Nagartse, wo wir zu Mittag aßen, war die Strecke noch "under construction" und in einem ziemlich üblen Zustand. Immer wieder gab es baustellenbedingte Wartezeiten. Für manche Abschnitte war stundenweise nur Einbahnverkehr möglich oder sogar zwischendurch auch schon mal eine Weile ganz gesperrt. Deshalb kamen wir recht spät in Gyantse an. Den Besuch des Kumbum Chorten und des Pelkor Chode Klosters haben wir deshalb auf morgen verschoben.

Der Kumbum Chorten von Gyantse

Der Kumbum Chorten ist eines der bedeutendsten Bau- und Kunstwerke in Tibet - man kann sogar sagen - der Welt! Die Stufen-Pagode hat die Form einer Pyramide und ist ein Sinnbild der Mandala-Symbolik von Quadrat und Kreis. Gleichzeitig ist der Kumbum der letzte begehbare Relieqien-Schrein von Tibet. 108 Kapellen verteilen sich auf vier Etagen Hier finden wir an die 100.000 Darstellungen von Gottheiten in antiken Wandmalereien und Buddha Statuen von unermesslichem Wert. Was für eine Vorstellung, wenn dieses Kleinod tibetischer Kunst in der Kulturrevolution zerstört worden wäre.

Andächtig und ehrfürchtig gingen wir in jede einzelne der 108 Kapellen des Kumbum Chorten. Auch Lobsang begleitete uns. Ganz unüblich für einen Fahrer war er eigentlich immer und bei allen Besichtigungen mit dabei. Gemeinsam ließen wir uns von den vielen beeindruckenden Wandmalereien und Buddha Statuen begeistern. Wie schön, nach meiner Tibet-Reise 1992 noch einmal hier zu sein.

Je höher man den Kumbum Chorten hinauf steigt, desto schöner wird auch der Ausblick auf die Umgebung. Ganz besonders auch über die tibetische Altstadt bis hinüber zum Gyantse Dzong. Leider hatten wir 1992 die Altstadt nicht besucht. Wie schade das war, wurde mir erst bewusst als ich jetzt durch die urigen Gassen ging. Wieviel authentischer mag die Altstadt von Gyantse erst 1992 gewesen sein. Dafür haben wir uns dieses Mal umso mehr Zeit gelassen.

Die Altstadt von Gyantse...

liegt in unmittelbarer Nähe zum Kumbum Chorten und dem Pelkor Chode Kloster, so dass wir zu Fuß gehen konnten. Eine einzige "Haupt"-Straße führt durch die Altstadt, die an beiden Seiten dicht an dicht mit traditionellen tibetischen Häusern bestanden ist. Was für eine urige Atmosphäre. Für Tibet war diese authentische Altstadt fast schon wie eine kleine Reise in die Vergangenheit, die man in den meisten größeren Städten vergeblich sucht. Dabei ist Gyantse die drittgrößte Stadt in Tibet nach Lhasa und Shigatse. Gleichzeitig ist sie eine der wenigen Städte, die bis heute noch nicht mit chinesischen Glaspalästen, Hochhäusern und Trabantenstädten zugebaut wurde. 

Von den meisten Tibetern in der Altstadt wurden wir ziemlich neugierig beobachtet. So kamen wir schnell in Kontakt.

Das Gyantse Fort...

Wenn Du jemals nach Gyantse kommst, solltest Du den Besuch des Gyantse Fort auf keinen Fall auslassen. Auf meiner Tibet-Reise 2019 - "Von Südchina nach Zentraltibet" war der Dzong allerdings für westliche Besucher gesperrt. Der Ausblick von hier oben über die Stadt und die umliegende grandiose Landschaft ist unvergleichlich.

Von hier oben zeigt sich auch, wie wehrhaft Gyantse für die früheren unsicheren Zeiten angelegt war. Die Stadt schmiegt sich in einen Halbkreis von Hügeln, die zusätzlich mit einer Schutzmauer verstärkt waren. Eventuellen Angreifern stellte sich auf der offenen Talseite der mächtige Dzong in den Weg. Die Stadt lag am Kreuzungspunkt verschiedener Handelsrouten aus Nepal, Sikkim, Bhutan und Indien, so dass sie sich zu einem bedeutenden Umschlagplatz für Yak-Wolle entwickelte. Selbst die Engländer unterhielten hier eine Handelsmission.

Kloster Shalu - Wanderung zum Ngor Kloster - Shigatse

Jetzt waren wir also irgendwie und leider schon wieder unterwegs zurück nach Kathmandu. Mit jeder Etappe kam das Ende meiner Tibet-Reise mit großen Schritten näher. Aber wir hatten noch eine kleine Wanderung auf unserem Plan. Dafür fuhren wir zunächst weiter in Richtung Shigatse und bogen dann kurz vorher in ein Seitental ab zum Kloster Shalu. Es ist eines der wenigen Klöster bei dem indische, nepalesische und chinesische Baustile miteinander verschmelzen. Ganz außergewöhnlich für Tibet sind die mit glasierten grünen Ziegeln gedeckten Dächer. Das ist eher typisch für China.

Im tibetischen bedeutet Shalu so viel wie "zarte Blätter". Das mag abgeleitet sein von einem der vier buddhistischen Schätze, die hier aufbewahrt werden - 108 Holzblätter für den Druck buddhistischer Schriften. Während der Kulturrevolution wurde das Kloster bis auf den Haupttempel völlig zerstört und mit der Unterstützung der örtlichen Bevölkerung wieder aufgebut. 

Je weiter wir das Tal hinauf fuhren in Richtung Upper Lungsang umso mehr wurden wir bestaunt. Eigentlich waren wir nur wenige Kilometer von der Haupt-Touristenroute entfernt, aber Besucher kamen offensichtlich nur selten hierher. Lidong fragte einen älteren Tibeter nach dem Weg. Der schaute ziemlich erstaunt als er uns sah. Ob er jedoch mehr über uns oder über das Gefährt staunte, dass langsam an uns vorbeizog, wird immer ein Rätsel bleiben.

Nahe dem Dorf Upper Lungsang trafen wir auf unsere kleine Trekkingmannschaft. Sie waren separat hierher gefahren und hatten bereits mit viel Bedacht einen windgeschützten Zeltplatz hinter einem Felsen ausgewählt. Inzwischen stand die Sonne schon tief und aus dem Küchenzelt zogen die ersten Düfte des nahenden Abendessens in unsere Nasen. Ich nutzte die Zeit, um noch auf den nahegelegenen Hang hinaufzusteigen und den schönen Ausblick über das Tal zu genießen. Schnell kamen auch die ersten neugierigen Besucher...

Im Laufe des Abends verstärkten noch vier weitere Gesellen unser kleines Team! Selbst wenn wir sie nicht gesehen hätten - sie waren unüberhörbar! "Iaaah - iaaah - iaaah" schallte von nun an die Esels-Unterhaltung in beständiger Regelmäßigkeit durch unser Camp. Oh weih - das konnte ja heiter werden. Es dauerte lange bis ich bei dem "Getöse" endlich einschlafen konnte. Ich gebe zu - so ganz konnte ich mir den schadenfreudigen Gedanken nicht verkneifen, dass den Vieren morgen ihr Geschrei wahrscheinlich vergehen würde, wenn sie unser Hab und Gut über den knapp über 4.500 m hohen Pass tragen mussten...

Als es am Morgen dann soweit war bereute ich meine gestrigen schadenfreudigen Gedanken ganz schnell wieder. Es war ein ziemlicher Berg an Gepäck zusammen gekommen und das Beladen und Festzurren auf den kleinen Eselsrücken wirkte recht unbeholfen. Mein Eindruck sollte mich nicht getäuscht haben. Schon nach der ersten Stunde unseres Marsches rutschte und eierte das Gepäck auf den armen Eseln herum. Es musste alles wieder abgeladen und erneut gepackt werden. Dieses Spiel wiederholte sich mehrere Male - nahezu stündlich. Lidong wußte nicht so recht, ob er weinen oder lachen sollte. Da ich das ganze ziemlich gelassen nahm entschied er sich für's Lachen. Allerdings taten mir die kleinen Esel inzwischen ziemlich leid. Am liebsten hätte ich sogleich mein Gepäck selbst getragen...

Knapp vier Stunden und 8 km waren es von Upper Lungsang auf 4.080 m über den 4.550 m hohen Char La-Pass zum Ngor Kloster. Dort wollten wir heute unser Lager aufschlagen. Großartige Landschaftseindrücke begleiteten uns auf unserem Weg.

Eigentlich war es nicht viel mehr wie ein ausgedehnter Spaziergang, aber trotzdem forderte die Höhe auch nach mehr wie drei Wochen in Tibet immer noch ihren Tribut. Mit viel Geschnaufe stapfte ich Meter für Meter hinauf. Die Belohnung folgte auf dem Fuße - der herrliche Blick auf das Ngor Kloster zwischen den roten Felsen und im Hintergrund die schneebedeckten Berge des Himalaya.

Dann ging es auf einem einfachen und nicht zu steilen Pfad nur noch bergab. Je näher wir dem Kloster kamen umso mehr staunten wir über das dunkle Rot des Felsgesteins, das uns hier so intensiv entgegenstrahlte. Unsere Trekkingmannschaft mit den vier Packeseln hatte uns schließlich trotz der Packschwierigkeiten doch noch überholt und war uns inzwischen einige Zeit voraus. Unter den neugierigen Blicken der Mönche hatten sie schon angefangen die Esel abzuladen und mit dem Zeltaufbau zu beginnen.

Uns zu beobachten schien für die Mönche eine willkommene Abwechslung von ihrem Klosterleben. Sie ließen sich neugierig beobachtend ganz in dere Nähe nieder.

Es dauerte gar nicht lange und weitere neugierige Besucher stellten sich ein. Zwei junge Tibeterinnen schauten sich mit einer fast kindlich wirkenden Neugier um. Sie gingen mit einer unglaublichen Unbefangenheit und Selbstverständlichkeit durch's Camp. Ich hatte mich gerade einmal kurz in mein Zelt zurückgezogen, weil ich mich umziehen wollte, als ich ein Tuscheln direkt vor dem Zelt hörte und zwei schemenhafte Schatten sah. Ich zog mich schnell um. Das Tuscheln verstummte - sicher lauschten die beiden, was es denn da zu hören gab. Als ich fertig war und den Reißverschluss öffnete hatte ich die Kamera "schussfertig" in der Hand. Was für eine wunderbare Begegnung. Alle miteinander strahlten wir uns um die Wette an. Völlig ungeniert schauten die beiden neugierig in mein Zelt...

Schließlich zogen sich die beiden Tibeterinnen zurück und ich schaute mich noch ein wenig in der Umgebung um.

Ngor Village

Bevor wir nach Shigatse aufbrachen verabschiedeten wir uns von unserer kleinen Trekkingmannschaft und statteten dem nahegelegenen urigen Ngor Village noch einen kurzen Besuch ab. Das Dorf wirkte ziemlich verlassen. Das liegt daran, dass zu dieser Jahreszeit fast alle Bewohner auf den Feldern arbeiten, meinte Lidong. Einige Kinder tollten umher und einige wenige ältere Leute waren im Dorf geblieben.

Shigatse und das Tashilunpo Kloster

Leider hatte ich auf meiner Tibet-Reise 1992 - "Von Lhasa bis zum Kailash" nicht sehr viel Zeit für das Tashilunpo Kloster. Deshalb freute ich mich darauf, die Klosterstadt nun etwas intensiver zu erkunden. Am Fuße des Berges Drolmari gelegen umfasst es mit seinen vielen Tempeln, Kapellen, Innenhöfen und Mönchswohnungen fast 300.000 qm.

Lidong führte uns durch kleine verwinkelte Gassen zu den verschiedenen beeindruckenden Tempeln. Die drei Haupttempel, die man an den prächtigen gold-glänzenden Dächern erkennt, wollte ich mir auf jeden Fall anschauen. Davon war der Maitreya-Tempel der beeindruckendste. Er beherbergt den mit 26 m größten Maitreya-Buddha in Tibet. Über hundert Bildhauer, Maler, Gold- und Kupferschmiede haben in vielen Jahren dieses unglaubliche Kunstwerk erschaffen. Dabei haben Sie u.a. 230 kg Gold und 11 Tonnen Bronze verarbeitet.

Ganz in der Nähe des Maitreya-Tempels in einem Innenhof waren einige Mönche emsig mit dem Kneten von Butterteig und der Herstellung von Butterfiguren beschäftigt. Ich hatte solche Butterfiguren schon häufig in den Klöstern auf den Altären als Opfergaben gesehen. Jetzt einmal mitzuerleben, wie die hier entstehen, hat mich wirklich begeistert. Auch Lidong freute sich darüber und schaute sehr andächtig dabei zu.

Es war schön etwas mehr Zeit zu haben und sich in aller Ruhe ein wenig durch die engen Gassen treiben zu lassen und die eine oder andere Impression einzufangen.

Auf dem Pilgerweg rund um das Tashilunpo Kloster...

waren wir am späten Nachmittag unterwegs. Dabei waren wir in guter Gesellschaft! Die Schlange der Tibeter, die dasselbe tun wollten, war endlos lang. Unterwegs hatten sich viele auch schon fast picknickmäßig niedergelassen und waren in reger Unterhaltung. Wir genossen die schöne und typisch tibetische Atmosphäre und den herrlichen Ausblick auf das Kloster und die Stadt.

Der typische tibetische Markt nahe dem Tashilunpo Kloster...

lag in kurzer Entfernung in Richtung Osten, wenn man die Kora fertig gegangen ist. Dort musste ich unbedingt noch einmal hin. Dieser wirklich urige Markt, auf dem fast nur ganz typische tibetische Lebensmittel verkauft werden, hatte mich schon auf meiner Tibet-Reise 1992 begeistert. Wie schön, dass es den 2006 immer noch gab. Eine Spezialität, die ich noch nirgendwo sonst gesehen hatte, war hier getrocknete Ziege am Stück.

Auf meiner Tibet-Reise 2019 - Von Südchina nach Tibet und Nepal" gab es diesen schönen Markt leider nicht mehr.

Shigatse - Shegar - Rongbuk Kloster und Everest Basecamp

Insgesamt ca. 240 km lagen vor uns. Die ersten 80 km konnten wir uns über eine asphaltierte Straße freuen - dann ging es auf einer Staubpiste weiter. Auf Höhen zwischen 4.000 und 4.500 m bewegten wir uns auf einer Hochebene und überfuhren einige kleinere unspektakuläre Pässe, die wir kaum also solche wahrnahmen. Streckenweise folgten wir dem Yarlung Tsangpo flussaufwärts in Richtung Westen. Was für eine unglaublich schöne Landschaft.

Noch ein wenig berauscht von den grandiosen Landschaftseindrücken erreichten wir nach etwa dreieinhalb Stunden und 180 km Lhatse auf 4.553 m. Hier machten wir erst einmal eine Pause. Da es jetzt nur noch gut 60 km bis nach Shegar waren, konnten wir uns etwas mehr Zeit lassen. Deshalb suchte sich Lobsang ein nettes Plätzchen für ein Nickerchen. Uns trieb es mit fast kindlichem Übermut auf den nahegelegenen Spielplatz. Außerdem nutzten wir die Gelegenheit zu dem einen oder anderen netten Schnappschuss.

Kurz hinter Lhatse ging es dann allerdings auch gleich zur Sache. Die Straße windete sich hinauf bis auf den fast 5.300 m hohen Lhakpa La-Pass. Den besten Ausblick hatten wir allerdings kurz hinter dem Pass. Bis zu den schneebedeckten Eisriesen des Himalaya einschließlich des Mt. Everest reichte die grandiose Sicht.

In Shegar verbrachten wir nur eine Nacht in einem recht einfchen Hotel. Früh am nächsten Morgen brachen wir auf nach  Rongbuk und dem sog. "Everest Basecamp". Nach kaum zehn Kilometer verließen wir den Friendship Highway. Ab hier begann die lange Auffahrt auf den über 5.100 m hohen Pang La-Pass. In weiten Serpentinen schlägelte sich die Piste immer weiter hinauf. Der Blick zurück auf die Hochebene von Tingri war grandios - der Blick vom Pang La-Pass in Richtung Hiimalaya noch viel grandioser.

Für einen kurzen Moment zeigte sich sogar die Nordflanke des Mt. Everest zwischen den Wolken...ich konnte mein Glück kaum fassen. So plötzlich der Blick frei geworden war genauso plötzlich schoben sich erneut Wolken davor. Vom Pass ging es in vergleichbar vielen Serpentinen hinunter in's Tal.

Wir folgten dem Tal in westlicher Richtung. Der Weg führte uns langsam aber stetig bergauf. Dann wendeten wir uns in Richtung Süden. Nach einer kleinen Biegung dann die Überraschung! Der erste nähere Blick auf den Mt. Everest. Den schönsten Blick bietet jedoch das Rongbuk Kloster mit seinem strahlend weißen Chorten vor dem Chomolongma, wie die Tibeter den Mt. Everest nennen.

Ist das ein Traum oder bin ich wirklich hier?! So richtig fassen kann ich das alles noch nicht. Da stehe ich auf 5.000 m Höhe vor einem der höchst gelegenen Klöster dieser Welt und kaum 30 km Luftlinie ragt der Mt. Everest noch einmal fast 4.000 m höher hinauf...

In dieses ergriffene Staunen mischt sich plötzlich der dumpfe Klang einer Trommel, Zimbeln klingeln und tibetische Hörner erschallen. Ohne ein weiteres Wort zu wechseln gehen Lidong, Lobsang und ich in Richtung Kloster zum Andachtsraum. Was für ein Glücksfall hier oben noch einmal eine Puja zu erleben.

Mit einer einfachen ungefederten und unglaublich "rappeligen" Pferdekutsche machten wir einen kurzen Ausflug in's sog. Everest Basecamp. Dabei handelte es sich jedoch nur um das "Touristen-Basecamp". Das eigentliche Bergsteiger-Basecamp liegt noch einige Kilometer weiter. Dafür benötigt man  eine Sondererlaubnis, die man als Tourist jedoch nur selten bekommen konnte. Zeitweise gab es vor Ort eine Genehmigung für 200 US-Dollar pro Person.

Das Touristen-Basecamp war nicht mehr als eine Ansammlung von Mannschaftszelten, die von Tibetern betrieben wurden. Hier konnte man übernachten. Außerdem gab es in den Zelten Restaurants, in denen man sich verpflegen konnten. Ich war hauptsächlich hier, um dem Everest noch etwas näher zu kommen, aber der hüllte sich in Wolken.

Dafür kam ich bei einem der Zelte in's Gespräch mit einem Tibeter. Er sprach mich mit ein paar einfachsten englischen Worten an. Nein, Souvenirs wollte ich nicht kaufen und auch kein Foto mit mir und seinem Yak. Dann zeigte er auf einzelne Gegenstände und fragte mich nach dem englischen Wort dafür. So begann eine kleine Englischstunde, die uns beiden viel Freude bereitete. Für jedes englische Wort fragte ich ihn nach dem tibetischen Wort für einen Gegenstand... Schließlich mussten wir jedoch zurück und so fragte ich ihn, ob ich ein Erinnerungsfoto von ihm machen dürfte. "Yes", meinte er, "Ten Yuan". So ein Schlingel dachte ich mir..."No, no - you got English words - I get photo..." Da stimmte er sofort zu - das war offensichtlich auch für ihn ein fairer Deal.

Dann ging es in der selben rappeligen Kutsche wieder zurück nach Rongbuk und von dort sogleich weiter zurück nach Shegar.

Nach Zhangmu - die letzte Etappe auf meiner Tibet-Reise

Während meiner letzten Fahretappe in Tibet gab es noch einmal eine Flut von phantastischen Landschaftseindrücken. Tibet verabschiedete sich mit der ganzen landschaftlichen Pracht, die man sich nur vorstellen kann.

Nach einer Weile wendete sich der Friendship Highway in Richtung Süden und führt geradewegs auf die Eisriesen des Himalaya zu.

Kaum merklich führt uns die Hochebene immer höher hinauf. Die Auffahrt auf den 5.030 m hohen Lalung La-Pass erscheint uns nicht viel mehr wie die Auffahrt auf einen Hügel. Nur wenige Kilometer später stehen wir auf dem 5.158 m hohen Thong La-Pass. Hunderte von Steinmännchen säumen den Weg und Tausende Gebetsfahnen flattern im Wind, um die Gebete der Tibeter in den Himmel zu tragen. Der Blick auf den Himalaya ist von hier aus einfach nur berauschend schön.

Für den letzten Pass auf meiner Tibet-Reise habe ich mir mit viel Wehmut im Herzen viel Zeit gelassen; habe das Panorama aus allen möglichen und unmöglichen Perspektiven genossen und viel zu viele Bilder gemacht. Würde ich noch einmal nach Tibet und hierher kommen?! Wie würde sich Tibet bis dahin wohl verändern...

Auf der Weiterfahrt dauerte es nicht lange und wir ließen das tibetische Hochplateau hinter uns. Ab hier ging es mit uns nur noch bergab... So schnell, wie wir auf der Fahrt an Höhe verloren, so dramatisch veränderten sich auf dem Weg zur nepalesischen Grenze nun auch die Landschaft und die Vegetation. Innerhalb kürzester Zeit wurde es wieder grün...richtig grün! Durch diese "Schneise" im Himalaya drangen die regenschweren Wolken von Süden kommend hoch hinauf in Richtung tibetisches Hochplateau und luden ihre Last hier regelmäßig ab.

Auf einer Strecke von knapp 70 km gelangten wir vom 5.158 m hohen Tong La-Pass hinunter nach Zhangmu, das nur noch auf ca. 2.300 m. Es ist eine unglaubliche Fahrt auf einer unglaublichen Straße durch eine wirklich beeindruckende Landschaft. Als wir in Zhangmu ankamen erstickete der Ort im Verkehr. Unglaublich viele LKW's waren auf dem Weg von Nepal hinauf nach Tibet und legten hier einen Übernachtungsstop ein. So machten wir es auch, denn egal woher man aus Tibet auch anreist - man wird die Öffnungszeiten des Grenzüberganges nicht mehr erreichen. So warteten auch wir hier bis zum nächsten Morgen um zehn Uhr. Dann hieß es Abschied nehmen von Lidong und Lobsang. Ich glaube, es viel den beiden genauso schwer wie mir, denn wir hatten uns so gut verstanden.

Auf der anderen Grenzseite erwarteten mich schon die Freunde aus Nepal und wir fuhren in einem "Rutsch" bis nach Kathmandu. "Rutsch" traf es dabei ziemlich genau. Obwohl die Monsunzeit jetzt im Juni eigentlich noch gar nicht richtig angefangen hatte, musste es schon einiges an Regenfällen gegeben haben. Die Straße hatte sich in einem aufgeweichte Lehmpiste verwandelt...

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